Pflegeassistenzkräfte erleben häufig hohe emotionale Belastungen, die eng mit Arbeitsbedingungen und individuellen Bewältigungsstrategien zusammenhängen. Das Planspiel Simply4Emotions vermittelt praxisnah Fähigkeiten zur emotionalen Selbstregulation und stärkt Selbstwirksamkeit, Teamarbeit und Reflexion. Gleichzeitig wird deutlich, dass solche Kompetenzen strukturelle Verbesserungen ergänzen, aber nicht ersetzen können.
Stress gehört zum Pflegealltag – aber warum?
Pflegearbeit ist emotional anspruchsvoll. Zeitdruck, Personalmangel und komplexe Anforderungen prägen den Alltag vieler Pflegekräfte. Dabei zeigt die Forschung, dass diese Belastungen nicht nur durch einzelne Situationen entstehen, sondern eng mit den Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen verknüpft sind (Jun et al., 2021).
Hinzu kommt, dass Pflegekräfte regelmäßig mit herausfordernden Situationen konfrontiert sind – etwa mit Leid, Unsicherheit oder Konflikten im Team. Diese Erfahrungen wirken sich nicht nur kurzfristig aus, sondern können langfristig zu Erschöpfung, Konzentrationsproblemen oder sogar Burnout führen (World Health Organization, 2025).
Gleichzeitig spielen auch individuelle Faktoren eine Rolle. Wie jemand eine belastende Situation erlebt, hängt unter anderem davon ab, wie sie bewertet wird und welche Bewältigungsstrategien zur Verfügung stehen. Manche Pflegekräfte entwickeln im Umgang mit Stress Verhaltensweisen wie emotionalen Rückzug oder Distanzierung. Diese können kurzfristig entlasten, langfristig jedoch problematisch sein (Kersting, 2019).
Emotionale Selbstregulation – was bedeutet das im Alltag?
Vor diesem Hintergrund gewinnt die Fähigkeit zur emotionalen Selbstregulation zunehmend an Bedeutung. Gemeint ist damit die Fähigkeit, eigene Gefühle wahrzunehmen, zu verstehen und bewusst zu beeinflussen (Gross, 2007).
Im Pflegealltag zeigt sich das oft in kleinen Momenten: etwa darin, kurz innezuhalten, bevor man reagiert, eine belastende Situation aus einer anderen Perspektive zu betrachten oder sich gezielt zu beruhigen. Entscheidend ist, dass nicht nur die Situation selbst über unsere Reaktion entscheidet, sondern vor allem, wie wir sie bewerten (Lazarus & Folkman, 1984). Genau hier setzt emotionale Selbstregulation an. Sie eröffnet Handlungsspielräume und hilft, auch in stressigen Situationen professionell zu bleiben.
Für Pflegekräfte bedeutet dies nicht, Gefühle zu unterdrücken. Vielmehr geht es darum, einen bewussten Umgang mit Emotionen zu entwickeln, der sowohl die eigene Gesundheit schützt als auch die Qualität der Arbeit unterstützt.
Lernen durch Erfahrung: Das Planspiel Simply4Emotions
Das Erasmus+-Projekt Simply4Emotions greift diese Idee auf und hat ein Planspiel entwickelt, das genau hier ansetzt. Anders als klassische Schulungen basiert dieses Lernformat auf Erfahrung. Die Teilnehmenden arbeiten in kleinen Teams und werden mit herausfordernden Situationen konfrontiert, die typische Belastungen des Arbeitsalltags widerspiegeln – etwa Zeitdruck, Konflikte oder schwierige Entscheidungen.
Bemerkenswert ist, dass das Spiel nicht direkt im Pflegekontext angesiedelt ist, sondern mit einer symbolischen Situation arbeitet, einer gemeinsamen Bergbesteigung. Diese Distanz erleichtert es, eigene Reaktionen zu reflektieren, ohne sofort in gewohnte Rollen zu verfallen.
Im Mittelpunkt steht nicht die Suche nach der „richtigen“ Lösung. Vielmehr entwickeln die Teilnehmenden gemeinsam Strategien im Umgang mit belastenden Situationen. Durch den Austausch entsteht ein Lernprozess, der sowohl individuelles als auch gemeinsames Lernen ermöglicht.
Ein geschützter Raum zum Ausprobieren
Ein wesentlicher Vorteil des Planspiels liegt in seinem geschützten Rahmen. Die Teilnehmenden können Entscheidungen treffen und auch Fehler machen, ohne reale Konsequenzen befürchten zu müssen.
Dieser sichere Raum ist besonders wichtig, da er es ermöglicht, neue Verhaltensweisen auszuprobieren und eigene Handlungsmöglichkeiten zu erweitern. Erfahrungen können reflektiert und alternative Strategien entwickelt werden. Dadurch entsteht ein Lernprozess, der nicht nur Wissen vermittelt, sondern vor allem praktische Handlungssicherheit fördert.
Viele Teilnehmende erleben diesen Prozess als entlastend, da sie merken, dass auch andere ähnliche Herausforderungen haben. Der Austausch im Team stärkt das Verständnis füreinander und schafft die Grundlage für eine offenere Kommunikation im Arbeitsalltag.
Was bringt das für den Berufsalltag?
Das Training emotionaler Selbstregulation kann Pflegekräfte dabei unterstützen, belastende Situationen bewusster zu erleben und besser zu bewältigen. Besonders wichtig ist dabei die Entwicklung von Selbstwirksamkeit – also dem Vertrauen in die eigene Fähigkeit, schwierige Situationen zu meistern. Diese gilt als zentrale Voraussetzung für Resilienz und langfristige Gesundheit (Yu et al., 2019).
Darüber hinaus wird deutlich, dass emotionale Belastung kein rein individuelles Problem ist. Im gemeinsamen Lernen wird sichtbar, dass viele Herausforderungen geteilt werden. Dies kann dazu beitragen, Belastungen weniger isoliert zu erleben und stärker als Team damit umzugehen.
Wichtig: Gute Bedingungen bleiben entscheidend
So hilfreich individuelle Kompetenzen auch sind, sie können strukturelle Probleme nicht lösen. Die Forschung zeigt deutlich, dass emotionale Belastung wesentlich durch Arbeitsbedingungen beeinflusst wird (Jun et al., 2021).
Deshalb stoßen individuelle Strategien dort an Grenzen, wo Rahmenbedingungen dauerhaft belastend sind (Riedel & Lehmeyer, 2022). Eine gute Pflegepraxis erfordert daher beides: gut vorbereitete Fachkräfte und unterstützende Arbeitsbedingungen.
Fazit
Emotionale Selbstregulation ist eine wichtige, bislang oft unterschätzte Kompetenz im Pflegealltag. Sie hilft Pflegekräften, auch in schwierigen Situationen handlungsfähig zu bleiben und die eigene Gesundheit zu schützen.
Das Planspiel Simply4Emotions bietet eine praxisnahe Möglichkeit, diese Fähigkeit zu entwickeln. Es schafft einen geschützten Raum, in dem Erfahrungen gesammelt, reflektiert und neue Strategien erprobt werden können.
Dabei bleibt klar: Das Spiel ist kein Allheilmittel. Es ist jedoch ein wichtiger Baustein, um Pflegekräfte zu stärken und einen Beitrag zu einer besseren und gesünderen Pflegepraxis zu leisten.
Gross, J. J. (2007). Handbook of emotion regulation. Guilford Press.
Jun, J., Ojemeni, M. M., Kalamani, R., Tong, J. S., & Crecelius, M. L. (2021). Relationship between nurse burnout, patient and organizational outcomes: A systematic review. International Journal of Nursing Studies, 119, 103933. https://doi.org/10.1016/j.ijnurstu.2021.103933
Kersting, K. (2019). Coolout in der Pflege: Eine Studie zur moralischen Desensibilisierung (5. Aufl.). Mabuse-Verlag.
Lazarus, R. S., & Folkman, S. (1984). Stress, appraisal, and coping. Springer.
Riedel, A., & Lehmeyer, S. (2022). Moral stress, moral distress and moral resignation in professional nursing. Pflege, 35(2), 119–130. https://doi.org/10.1024/1012-5302/a000858
World Health Organization. (2025). Mental health of nurses and doctors survey in the European Union, Iceland and Norway. WHO Regional Office for Europe.
Yu, F., Raphael, D., Mackay, L., Smith, M., & King, A. (2019). Personal and work-related factors associated with nurse resilience. International Journal of Nursing Studies, 93, 129–140. https://doi.org/10.1016/j.ijnurstu.2019.02.014
Amelie Büchler, M.A. und Assessorin des Lehramts, ist seit 2020 als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) Stuttgart tätig. Als Spezialistin für didaktisches und pädagogisches Design arbeitet sie am Studienzentrum Gesundheitswissenschaften & Management. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung innovativer Lehr- und Lernformate, insbesondere der Erstellung von Lehrmaterialien in internationaler Zusammenarbeit (Erasmus+). In diesem Rahmen betreut sie das Projekt „Simply4Emotions“.
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