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Ivan Ljubić
Psychiatrische Praktika in der Pflegeausbildung 
Persönliche Erfahrungen und wissenschaftliche Evidenz

Psychiatrische Praktika fördern eine professionelle Haltung, verbessern Kommunikations- und Krisenkompetenzen und stärken die interprofessionelle Zusammenarbeit. Sie tragen wesentlich zur Reduktion von Stigmatisierung bei und unterstützen Pflegende darin, Patient*innen in ihrer Ganzheit wahrzunehmen. Studien zeigen, dass direkte Begegnungen mit psychisch erkrankten Menschen Ängste abbauen und die Reflexionsfähigkeit fördern. Stigmatisierung entsteht nicht aus der Erkrankung selbst, sondern aus gesellschaftlichen Einstellungen und dem Umgang mit Betroffenen, was den Krankheitsverlauf und die Inanspruchnahme von Hilfe erheblich beeinflussen kann (Schomerus & Riedel-Heller, 2020, S. 777). Angesichts der wachsenden Bedeutung psychischer Gesundheit in Österreich gewinnen solche praktischen Einsätze zunehmend an Relevanz.

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Schon während meiner Ausbildung zur Pflegefachassistenz stand für mich fest, dass mein Wunschpraktikum auf einer psychiatrischen Station stattfinden sollte. Mein Einsatz auf der Psychiatrie im Salzkammergut Klinikum Vöcklabruck bestätigte diese Entscheidung von Beginn an. Ich erkannte schnell, dass in allen Bereichen der Pflege – von der Akutversorgung über Ambulanzen bis zur Langzeitpflege – immer wieder Menschen mit psychischen Belastungen begleitet werden müssen. Diese Erfahrung hatte ich bereits zuvor in unterschiedlichen pflegerischen Kontexten gemacht. Während meiner Tätigkeit als ehrenamtlicher Rettungssanitäter begegnete ich häufig Menschen in akuten psychischen Krisensituationen, in denen ruhige Kommunikation, Empathie und ein respektvoller Umgang entscheidend waren. Auch im Alten- und Pflegeheim zeigte sich, wie stark psychische Faktoren den Pflegealltag prägen – etwa bei demenziellen Veränderungen oder depressiven Episoden, die viel Motivation und Unterstützung erfordern.

In meinem ersten Praktikum auf der psychiatrischen Station lernte ich vor allem die Bedeutung einer ruhigen, sicheren und wertschätzenden Haltung. Ich erlebte, wie wirksam nonverbale Signale sind, wie wichtig klare und deeskalierende Sprache ist und wie sehr Patient*innen profitieren, wenn Beziehung als zentrales pflegerisches Werkzeug verstanden wird. Während meines Studiums der Gesundheits- und Krankenpflege entschied ich mich bewusst erneut für ein psychiatrisches Praktikum. Dieses vertiefte mein Wissen über Psychopharmaka, deren Wirkungen und Nebenwirkungen sowie den hohen Stellenwert kontinuierlicher Beobachtung. Gleichzeitig gewann ich Einblicke in den Umgang mit demenziellen Veränderungen und akuten Krisen. Besonders eindrucksvoll war für mich zu sehen, wie wirkungsvoll strukturierte Krisengespräche, validierende Kommunikation und individuell entwickelte Skills zur Reduktion von Belastung beitragen.

Diese persönlichen Erfahrungen spiegeln sich in der Forschung wider: Die Studie von Demir und Ercan (2018) zeigt, dass psychiatrische Praxiseinsätze Ängste und Vorurteile reduzieren und ein tieferes Verständnis für psychisch erkrankte Menschen fördern. Therapeutische Kommunikation erwies sich dabei als zentrales Element professioneller Pflege (Demir & Ercan, 2018, S. 150–151). Auch andere internationale Studien belegen, dass direkte, angeleitete Begegnungen während der Ausbildung die Stigmatisierung messbar verringern. Patient*innenzentrierte Lehrformate, in denen Studierende aktiv mit Betroffenen arbeiten und ihre Erfahrungen reflektieren, fördern Empathie, Verständnis und eine professionellere Haltung (Hopp et al., 2021, S. 42-44).

Neuere Forschung hebt zusätzlich hervor, wie stark sich die Haltung der Studierenden durch praktische Einsätze verändert. Nach einem strukturierten psychiatrischen Praktikum berichten Studierende von spürbar mehr Sicherheit im Umgang mit psychisch erkrankten Menschen und deutlich reduzierter Distanz oder Unsicherheit im beruflichen wie sozialen Kontext (Zacchaeus & Iruo, 2022, S. 91–94). Die Ergebnisse verdeutlichen, dass unmittelbare Erfahrung ein zentraler Faktor im Abbau von Vorurteilen ist.

Forschung zur Stigmatisierung psychischer Erkrankungen zeigt zudem, dass öffentliches Stigma, Selbststigmatisierung und strukturelle Diskriminierung das Wohlbefinden und den Krankheitsverlauf erheblich beeinflussen und Betroffene häufig davon abhalten, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen (Schomerus & Riedel-Heller, 2020, S. 777). Die Bedeutung praktischer Erfahrungen spiegelt sich auch in aktuellen Weiterbildungsprogrammen wider: Moderne Fortbildungen, die speziell auf Pflegefachassistent*innen in der psychiatrischen Pflege zugeschnitten sind, betonen Beziehungsgestaltung, professionelle Kommunikation, Deeskalation, Psychopathologie sowie strukturierte Reflexion und Supervision – alles Kompetenzen, die im pflegerischen Alltag unverzichtbar sind (Pflegeschule Vorarlberg, 2026).

Auch Vuckovic und Landgren (2020) zeigen, dass Reflexion, Peer Learning und strukturierte Lernaufgaben das Selbstvertrauen, die professionelle Sicherheit und die Fähigkeit zur Beziehungsarbeit stärken. Besonders prägend war für mich zudem die gelebte interprofessionelle Zusammenarbeit auf psychiatrischen Stationen. Die enge Abstimmung zwischen Pflege, Medizin, Psychologie, Sozialarbeit und Ergotherapie zeigte eindrucksvoll, wie wertvoll gemeinsame Perspektiven sind und wie sehr komplexe Situationen von Zusammenarbeit auf Augenhöhe profitieren.

Universitäre Weiterbildungsangebote für Pflegeassistenzberufe betonen ebenfalls zentrale Inhalte der psychiatrischen Pflege: professionelles Krisenmanagement, den Umgang mit Selbst- und Fremdgefährdung, Aggressions- und Deeskalationsmanagement sowie Stress- und Burnoutprophylaxe. Diese Schwerpunkte verdeutlichen, dass psychiatrische Pflege weit über Wissensvermittlung hinausgeht und wesentlich zur Entwicklung von Selbstkompetenz und professioneller Haltung beiträgt (UNI for LIFE, 2023). Der ausgeprägte Teamgeist auf psychiatrischen Stationen fördert nicht nur fachliches Lernen, sondern vertieft auch das Verständnis für ganzheitliche Versorgung.

Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass psychiatrische Kompetenzen auch auf somatischen Stationen von großer Bedeutung sind. Patient*innen erleben im Zuge körperlicher Erkrankungen häufig psychische Belastungen, die unbemerkt bleiben, wenn nicht gezielt danach gefragt wird. Seit meinen Erfahrungen in der Psychiatrie stelle ich daher selbstverständlich Fragen wie:

„Wie geht es Ihnen psychisch mit dieser Situation?“

Zu meiner Überraschung erhielt ich häufig Antworten wie:

„Danke, dass Sie das fragen. Das hat mich noch nie jemand gefragt.“

Diese Rückmeldungen verdeutlichen eindrucksvoll, wie wichtig es ist, psychische Gesundheit auch in der Somatik mitzudenken, um Pflege wirklich ganzheitlich zu gestalten. Aktuelle Daten zeigen, dass psychische Erkrankungen in Österreich einen erheblichen Anteil an gesundheitlichen Einschränkungen und stationären Behandlungsanlässen ausmachen und zunehmend auch bei jungen Menschen auftreten (Statistik Austria, 2024). Aktuelle Curricula in der Ausbildung von Pflegefachassistent*innen (PFA) und Studierenden der Gesundheits- und Krankenpflege (DGKP) legen zwar fest, wie viele Stunden in verschiedenen Bereichen absolviert werden müssen, doch ein Psychiatriepraktikum bleibt weiterhin ein freiwilliges Wunschpraktikum. Angesichts der Bedeutung psychischer Gesundheit und der weit verbreiteten Stigmatisierung erscheint es jedoch sinnvoll, die Rolle psychiatrischer Praktika in der Ausbildung neu zu denken. Auch die Studie von Zacchaeus und Iruo (2022) liefert hierfür ein wichtiges Argument: Die positive Veränderung der Einstellungen zeigte sich bei allen Studierenden gleichermaßen – unabhängig von Geschlecht oder Vorerfahrungen. Dies unterstreicht, dass ein strukturiertes psychiatrisches Praktikum für alle Lernenden einen vergleichbaren Nutzen hat und wesentlich zur professionellen Haltung sowie zur Reduktion von Stigmatisierung beitragen kann (Zacchaeus & Iruo, 2022, S. 94–95). Die psychiatrische Praxis zeigt deutlich, dass professionelle Behandlung und respektvolle Begegnung nicht nur therapeutische Wirkung entfalten, sondern auch gesellschaftliche Einstellungen positiv beeinflussen können. Ein Psychiatriepraktikum könnte daher sinnvollerweise zu einem verpflichtenden Bestandteil der Ausbildung werden, um allen Auszubildenden grundlegende Kompetenzen in diesem zentralen, häufig unterschätzten Bereich zu ermöglichen. Psychiatrische Praktika vermitteln nicht nur Fachwissen, sondern stärken insbesondere Kompetenzen wie Beziehungsgestaltung, Krisenintervention, reflektiertes Handeln und interprofessionelle Zusammenarbeit. Forschungsergebnisse belegen zudem, dass vor allem patient*innennahe Lernsettings und strukturierte Reflexion die Entwicklung professioneller Einstellungen fördern und nachhaltig zur Entstigmatisierung beitragen (Hopp et al., 2021, S. 44). Sie erweitern die berufliche Identität, stärken die persönliche Resilienz und leisten einen wesentlichen Beitrag dazu, psychischen Erkrankungen mit Professionalität und Menschlichkeit zu begegnen. In der psychiatrischen Praxis wird besonders deutlich: Pflege beginnt beim Menschen – in seiner Verletzlichkeit, Komplexität und Stärke. Deshalb sind psychiatrische Praktika ein wertvoller Bestandteil jeder pflegerischen Ausbildung.

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Literatur

Demir, S., & Ercan, F. (2018). The first clinical practice experiences of psychiatric nursing students: A phenomenological study. Nurse Education Today.

Hopp, A., Dechering, S., Wilm, S., Pressentin, M., Müller, T., Richter, P., Schäfer, R., Franz, M., & Karger, A. (2021). The influence of patient-centered teaching on medical students’ stigmatization of the mentally ill. GMS Journal for Medical Education, 38(1), 40–46.

Pflegeschule Vorarlberg. (2025). Weiterbildung für Pflegeassistenzberufe: Pflege bei psychiatrischen Erkrankungen (Ausschreibung 2026). Pflegeschule Vorarlberg.

Schomerus, G., & Riedel-Heller, S. (2020). Das Stigma psychischer Krankheit im Fokus. Der Nervenarzt, 91(9), 777–778. https://doi.org/10.1007/s00115-020-00964-3

Statistik Austria. (2024). STATreport Gesundheit 2024.

UNI for LIFE Weiterbildungs GmbH. (2023). Universitätskurs: Pflege bei psychiatrischen Erkrankungen (Informationsbroschüre). UNI for LIFE Weiterbildungs GmbH.

Vuckovic, V., & Landgren, K. (2020). Peer learning in clinical placements in psychiatry for undergraduate nursing students. Nursing Open.

Zacchaeus, E. A., & Iruo, L. A. (2022). Exploring the impact of psychiatric nursing placement on undergraduate nursing students‘ attitudes toward mental illness. European Journal of Medical and Health Sciences, 4(3), 91–99. https://doi.org/10.34104/ejmhs.022.091099

Zur Person

Ivan Ljubić,

ist Pflegefachassistent am Ordensklinikum Barmherzige Schwestern Linz und Student der Gesundheits- und Krankenpflege an der FH Gesundheitsberufe OÖ. Im Zuge der Ausbildung zum Pflegefachassistenten fand ein Praktikum im Bereich Psychiatrie statt; auch im Rahmen des Studiums zum diplomierten Gesundheits- und Krankenpfleger (DGKP) sammelte er praktische Erfahrung im psychiatrischen Bereich.
Mail: ivan.ljubic@ordensklinikum.at

Ljubić, I.
(2026, June 15).
Psychiatrische Praktika in der Pflegeausbildung 
pfa.pflegenetz.at
https://pfa.pflegenetz.at/artikel/psychiatrische-praktika-in-der-pflegeausbildung

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