Unsere Sommer haben sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert: Hitzewellen treten häufiger, länger und intensiver auf und ihre Auswirkungen sind längst auch im Pflegealltag spürbar geworden. In der Gesundheits- und Krankenpflege bedeutet das eine zusätzliche Belastung, sowohl für betreuten Personen als auch für das Personal selbst. Hitze ist kein Randthema mehr, sondern stellt ein zentrales Risiko für die Gesundheit dar, das systematische Vorbereitung und gezielte Hitzekompetenz erfordert.
Hitze als eine wachsende Herausforderung mit spürbaren Folgen
„Wenn die Hitze kommt, ist sie unsichtbar. Sie biegt keine Bäume und lässt dein Haar nicht wehen, um ihre Ankunft anzukündigen. Sie umgibt dich einfach und wirkt auf dich ein, auf eine Weise, die du weder vorhersehen noch kontrollieren kannst. Du schwitzt. Dein Herz rast. Du hast Durst. Deine Sicht verschwimmt.“ – so eindrücklich beschreibt der amerikanische Journalist und New York Times Bestseller-Autor Jeff Goodell in seinem Buch „The Heat Will Kill You First: Life and Death on a Scorched Planet“ (2023) die – oft noch unterschätze – Gefahr durch Hitze.
Auch in Österreich haben sich in den letzten Jahrzehnten die Sommer merklich geändert. So gab es seit den 1990er-Jahren im Vergleich zur Klimareferenzperiode 1961−1990 fast nur überdurchschnittlich warme Sommer. Zu den Top 10 der wärmsten Sommern (Tiefland) zählen 2024, 2003, 2019, 2015, 2022, 2017, 2018, 2025, 2023 und 1992. Mittlerweile ist ein durchschnittlicher Sommer um drei Grad wärmer als noch vor 40 Jahren (GeoSphere Austria 2025). Ebenso hat die Dauer von Hitzewellen zugenommen (GeoSphere Austria 2023). Ein Blick in die Zukunft zeigt, dass sich dieser Trend weiter fortsetzen wird: während im Zeitraum 1961-1990 nur in 3 von 10 Sommern Hitzewellen beobachtet wurden, könnten es zukünftig in bis zu 8 von 10 Sommer extrem heiß werden (APCC 2025).
Hitze stellt eine der größten gesundheitlichen Risiken des Klimawandels dar, da nahezu alle Menschen davon betroffen sein können (APCC 2025). Die gesundheitlichen Auswirkungen der Hitzebelastung können von milden Symptomen wie Erschöpfung, Kopfschmerzen, geringere Konzentrationsfähigkeit oder Dehydrierung bis hin zu schwereren Symptomen, wie hitzeassoziierte Krankheiten (z. B. Sonnenstich, Hitzekollaps, Hitzschlag) reichen. Ebenso können sich bestehende (Vor-)Erkrankungen (z. B. Herz-Kreislauf-, Atemwegs- oder Nierenerkrankungen) verschlechtern. Hitze kann sich auf Schwangerschaft und das ungeborene Kind auswirken oder auch die psychische Gesundheit (affektive Störungen, Angstzustände, Aggressivität, erhöhte Suizidalität) beeinflussen. Bei schlechter gesundheitlicher Ausgangslage kann Hitze auch zum Tod führen (WHO 2019). Zudem wird die gesundheitliche Belastung zusätzlich z. B. durch hohe Luftfeuchtigkeit, Sonneneinstrahlung oder Luftschadstoffe verstärkt.
Es gibt kaum jemanden, der nicht unter extrem hohen Temperaturen leidet. Jedoch kann Hitzestress insbesondere für vulnerable Gruppen ernsthafte gesundheitliche Konsequenzen haben. Zu den besonders betroffenen Personengruppen zählen ältere Menschen, chronisch Erkrankte sowie pflegebedürftige Personen. Ihr Körper kann sich oft weniger gut an hohe Temperaturen anpassen, das Durstempfinden ist reduziert und auch Medikamente können die Thermoregulation beeinflussen (Grewe und Blättner, 2024). Gerade im Pflegekontext kommen häufig mehrere dieser Risikofaktoren zusammen.
Pflege im Spannungsfeld zwischen Hitze und Verantwortung
Für Pflegekräfte bedeutet Hitze eine doppelte Herausforderung: Sie müssen nicht nur die eigene Gesundheit im Blick behalten, sondern gleichzeitig die Sicherheit und Versorgung von Patient*innen, Bewohner*innen oder Klient*innen gewährleisten. Hohe Temperaturen erschweren Routinetätigkeiten, erhöhen die körperliche Belastung und können die Fehleranfälligkeit sowohl von Pflegepersonen als auch bei Patient*innen, etwa durch Unkonzentriertheit oder Verwirrtheit, steigern. So kann etwa Verwirrtheit bei älteren Personen, die ihre Medikation eigenständig einnehmen, zu Medikationsfehlern führen (z. B. Vergessen, Vertauschen oder falsche Dosierung). Gleichzeitig erhöht die Erschöpfung von Pflegepersonen die Fehleranfälligkeit bei Routinetätigkeiten, etwa bei Pflegehandlungen, oder kann die Reaktionsfähigkeit in kritischen Situationen verringern (Eggert et al. 2024).
Hinzu kommen strukturelle Rahmenbedingungen: Nicht alle Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen oder auch Haushalte, in denen sich pflegebedürftige Personen aufhalten, sind ausreichend kühl und schützen vor den hohen Außentemperaturen, insbesondere in älteren Gebäuden fehlt es oft an effektiven baulichen Maßnahmen. Auch organisatorische Anpassungen – etwa im Tagesablauf – sind nicht immer etabliert. Umso wichtiger ist es, dass Pflegepersonen frühzeitig Risiken erkennen und gezielt gegensteuern können.
Hitzekompetenz wird zur Schlüsselqualifikation
Vor diesem Hintergrund gewinnt die sogenannte Hitzekompetenz im Gesundheitsbereich zunehmend an Bedeutung. Gemeint ist damit die Fähigkeit, hitzebedingte Gesundheitsrisiken zu verstehen, einzuordnen und in konkrete Maßnahmen zu übersetzen. Gerade im Kontext von Hitze bedeutet das etwa: Warnzeichen frühzeitig erkennen, Risikogruppen gezielt schützen, präventive Maßnahmen systematisch umsetzen und Betroffene und Angehörige kompetent beraten. Diese Kompetenzen entstehen jedoch nicht von selbst – sie müssen gezielt vermittelt und trainiert werden. Fort- und Weiterbildung spielt dabei eine zentrale Rolle.
Um Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen dabei zu unterstützen, wurde von der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) die „Ready-to-Use Fortbildungstoolbox Hitze & Gesundheit“ entwickelt (Brugger et al. 2026). Sie richtet sich gezielt an Fachkräfte, die Schulungen durchführen und Wissen in ihren Einrichtungen weitergeben möchten. Das Besondere an der Toolbox ist ihr praktischer Zugang: Sie stellt fertig aufbereitete Materialien zur Verfügung, die ohne großen Vorbereitungsaufwand eingesetzt werden können. Dazu gehören unter anderem: ein strukturiertes Handbuch für Vortragende, didaktisch aufbereitete Präsentationen, praxisnahe Fallbeispiele und Arbeitsunterlagen für Teilnehmende. Damit wird es möglich, Fortbildungen flexibel und bedarfsorientiert zu gestalten: sei es als interne Schulung, im Rahmen von Teammeetings oder als eigenständige Weiterbildungseinheit.
Die Inhalte der Toolbox sind modular aufgebaut und decken sowohl Grundlagen als auch spezifische Anforderungen der Pflegepraxis ab. Mit dem Grundmodul „Hitze und Gesundheit“ können die Zusammenhänge zwischen Klimawandel und Gesundheit vermittelt werden. Es zeigt auf, welche Bevölkerungsgruppen besonders gefährdet sind und welche allgemeinen Präventionsmaßnahmen zur Verfügung stehen. Bei dem Spezialmodul „Hitze in der Pflegepraxis“ steht konkrete Anwendung im Vordergrund: Wie lassen sich Risiken im Pflegealltag einschätzen? Welche Symptome sind ernst zu nehmen? Welche Maßnahmen helfen unmittelbar? Und wie können Patient*innen, Bewohner*innen oder Klient*innen bestmöglich unterstützt werden? Durch diese Kombination wird sowohl Wissen aufgebaut als auch Handlungssicherheit gestärkt.
Vom Wissen zum Handeln
Ein zentraler Vorteil der Toolbox liegt in ihrer Praxisnähe. Die Inhalte sind so aufbereitet, dass sie direkt in den Arbeitsalltag übertragen werden können. Das fördert nicht nur das Verständnis, sondern auch die Umsetzung konkreter Maßnahmen. Dazu zählen beispielsweise: angepasste Trink- und Ernährungsstrategien, gezielte Raumkühlung und Beschattung, Anpassung von Pflegeabläufen, gezielte Beobachtung besonders vulnerabler Personen und aktive Ansprache und Sensibilisierung von Patient*innen. Solche Maßnahmen sind oft einfach umzusetzen, entfalten aber große Wirkung – vorausgesetzt, sie werden konsequent angewendet.
Wirksamer Hitzeschutz in der Pflege erfordert ein Zusammenspiel verschiedener Ebenen. Neben der individuellen Kompetenz der Pflegekräfte braucht es auch strukturelle und organisatorische Rahmenbedingungen sowie eine klare Verankerung des Themas in Einrichtungen. Fortbildungen können hier eine wichtige Brücke schlagen: Sie schaffen ein gemeinsames Verständnis, fördern den Austausch im Team und stärken die Handlungskompetenz aller Beteiligten. Gerade im Hinblick auf zukünftige Entwicklungen wird deutlich, dass Hitze kein einmaliges Phänomen ist. Vielmehr wird sie zu einem dauerhaften Bestandteil der pflegerischen Realität und muss entsprechend berücksichtigt werden.
APCC (2025): Second Austrian Assessment Report on Climate Change (AAR2). D. Huppmann, M. Keiler, K. Riahi, H. Rieder (Hrsg.). Austrian Academy of Sciences Press, Vienna, Austria. https://aar2.ccca.ac.at/
Brugger, K.; Lampl, C.; Sackl, A. (2026): Ready-to-Use Fortbildungstoolbox Hitze & Gesundheit. Handbuch. Gesundheit Österreich, Wien. https://jasmin.goeg.at/id/eprint/5283/1/Handbuch_Toolbox_bf.pdf
Eggert, S.; Haeger, M.; Sulmann, D.; Teubner, C. (2024): Hitzeschutz in der ambulanten Pflege – eine deutschlandweite Befragung in Pflegediensten. Zentrum für Qualität in der Pflege (Hrsg.) https://www.zqp.de/angebot/hitzeschutz-ambulant/
GeoSphere Austria (2025): Einer der wärmsten Sommer der Messgeschichte [online]. https://www.geosphere.at/de/aktuelles/news/einer-der-waermsten-sommer-der-messgeschichte [Zugriff am 08.06.2026]
GeoSphere Austria (2023): Hitzewellen: länger und häufiger [online]. https://www.zamg.ac.at/cms/de/klima/news/massive-zunahme-an-hitzetagen [Zugriff am 30.10.2024]
Grewe, H. A.; Blättner, B. (2024): Vor Hitze schützen: Ein Handbuch für Pflege- und Gesundheits-einrichtungen. W. Kohlhammer, Stuttgart
WHO (2019): Gesundheitshinweise zur Prävention hitzebedingter Gesundheitsschäden. Neue und aktualisierte Hinweise für unterschiedliche Zielgruppen. Weltgesundheitsorganisation. Regionalbüro für Europa, Kopenhagen
Priv.-Doz. Mag. Dr. Katharina Brugger,
ist seit 2022 als Senior Health Expert in der Abteilung Klimaresilienz und One Health der Gesundheit Österreich GmbH tätig. Ihre Schwerpunkte liegen u. a. in den Bereichen Hitzeschutz und Stärkung der Klimakompetenz von Gesundheitsberufen.
Kontakt: katharina.brugger@goeg.at
Anita Sackl, MPH MAS,
ist seit 2022 als Health Expert an der Abteilung Gesundheitsberufe und Langzeitpflege der Gesundheit Österreich GmbH tätig. Die Schwerpunkte liegen in den Bereichen Public/Community (Health) Nursing, Pflegereporting, Klima und Pflege, Disaster Literacy und Disaster Management.
Kontakt: anita.sackl@goeg.at
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