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Ingrid Marth
Gut leben bis zuletzt: Pflege, die trägt

Zwei Drittel der Menschen wünschen sich, zu Hause zu sterben. Tatsächlich gelingt das nur etwa 10 bis 20 Prozent; viele sterben stattdessen in Langzeitpflegeeinrichtungen oder in Krankenhäusern. Veränderungen in Familien- und Gesellschaftsstrukturen, Überalterung, demenzielle Erkrankungen, zunehmende Einsamkeit und wirtschaftliche Zwänge stellen uns vor neue Herausforderungen.

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Zwei Drittel der Menschen wünschen sich, zu Hause zu sterben. Tatsächlich gelingt das nur etwa 10 bis 20 Prozent; viele sterben stattdessen in Langzeitpflegeeinrichtungen oder in Krankenhäusern. Veränderungen in Familien- und Gesellschaftsstrukturen, Überalterung, demenzielle Erkrankungen, zunehmende Einsamkeit und wirtschaftliche Zwänge stellen uns vor neue Herausforderungen.

Welchen Wert haben kranke und alte Menschen in unserer Gesellschaft? Wie gehen wir mit Altern, Krankheit, Tod und Sterben um? Was ist uns ein gutes Sterben wert? Und ist es überhaupt möglich, die Würde von abhängigen und auf andere angewiesenen Menschen ohne solidarische Gemeinschaft und verlässliche zwischenmenschliche Beziehungen zu wahren? Eine Haltung von Fürsorge, Solidarität, Zuhören und Verstehen ist dafür jedenfalls grundlegend. Aber was bedeutet ein gutes Sterben eigentlich?

Die meisten Menschen antworten auf die Frage nach dem eigenen Lebensende: möglichst schmerzfrei und wenn möglich nicht im Krankenhaus. Viele wünschen sich, im Schlaf zu sterben oder plötzlich aus dem Leben zu gehen. Ein langes Siechtum und das Gefühl, an Schläuchen und Maschinen dahinzuvegetieren, möchten die meisten auf jeden Fall vermeiden.

Die Realität für schwerkranke und sterbende Menschen sieht jedoch oft anders aus. Eine aktuelle Studie aus Deutschland zeigt, dass 11 Prozent der Menschen künstlich beatmet sterben. Zugleich gibt es Menschen, die den Abschied und das Sterben bewusst erleben möchten. Entscheidend ist dann, ob jemand da ist, der diesen Weg begleitet und unterstützt.

Tod und Sterben sind in der gesellschaftlichen Wahrnehmung heute präsenter als früher. Es gibt mehr Offenheit, und vieles ist enttabuisiert. Dennoch werden Tod und Sterben nicht überall selbstverständlich als Teil des Lebens verstanden.

Einen großen Anteil an dieser Entwicklung hat die Hospizbewegung, die seit den 1980er-Jahren von Großbritannien und den USA nach Österreich gekommen ist. Palliative Care bedeutet eine schützende, zugewandte Begleitung, bei der nicht mehr Heilung im Mittelpunkt steht, sondern die Linderung belastender Symptome. Für Betroffene sind Lebensqualität, Selbstbestimmung und möglichst gute Funktionsfähigkeit zentral. Die Vorreiterinnen der modernen Hospizbewegung Cicely Saunders und Elisabeth Kübler-Ross sind bereits verstorben, ihre Ideen aber leben weiter, verbreiten sich und stecken andere an. Auch in Österreich hat sich in den letzten Jahren viel getan.

Trotzdem profitieren bestimmte Gruppen bis heute nur eingeschränkt von Hospiz- und Palliativversorgung: etwa Menschen in prekären Lebenslagen, Menschen mit Suchterkrankungen, Menschen mit Migrationsgeschichte, Menschen mit Behinderungen sowie Menschen mit geringen Informationen über Unterstützungsangebote. Auch kulturelle, sprachliche und religiöse Barrieren können den Zugang erschweren.

Die demographische Entwicklung und der medizinische Fortschritt haben dazu geführt, dass die Zahl multimorbider alter Menschen ebenso wächst wie die Dauer der letzten Lebensphase. Häufig erstreckt sie sich über Monate oder sogar Jahre. Genau dafür braucht es fachliche und menschliche Kompetenz – in der spezialisierten Palliativversorgung ebenso wie in der Grundversorgung. Auch die Zahl der Menschen mit Demenz steigt kontinuierlich, was in der palliativen Begleitung stärker berücksichtigt werden muss.

Die Überalterung stellt uns als Gemeinschaft vor neue Care-Aufgaben. Die moderne Hospizbewegung zeigt, dass Solidarität mit den Schwächsten möglich ist. Sorge füreinander im Sinn von Palliative Care kann ein gutes Leben in Teilhabe und Würde ermöglichen – für alle Generationen, besonders aber für hochbetagte Menschen.

Eine Haltung von Wertschätzung und Respekt gegenüber alten Menschen ist dafür Voraussetzung. Ebenso wichtig ist es, Bedürfnisse, Wünsche und Belastungen hochbetagter und schmerzgeplagter Menschen wahrzunehmen und ernst zu nehmen. Schmerzen und andere belastende Symptome sollten früh erkannt und gelindert werden – nicht erst, wenn das Sterben bereits unmittelbar bevorsteht.

Auch die geriatrische Arbeit braucht mehr gesellschaftliche Anerkennung und bessere Entlohnung. Sie ist anspruchsvoll und erfordert Motivation, Haltung und Qualifikation. Wenn diese Arbeit attraktiv sein soll, muss sie auch entsprechend wertgeschätzt werden. Der Mangel an gut ausgebildeten Pflegepersonen in diesem Bereich ist deshalb nicht überraschend.

Während unseres gesamten Lebens erfahren wir alle Phasen von Abhängigkeit, Unabhängigkeit und wechselseitiger Angewiesenheit. Als Säuglinge und Kleinkinder hätten wir nicht überlebt ohne die Zuwendung und Aufmerksamkeit unserer Eltern bzw. naher Bezugspersonen. Diese maximale Angewiesenheit des Säuglings wird nie in Frage gestellt. In Krisenzeiten und am Lebensende – aber ganz sicher nicht nur dann – sind wir wieder darauf angewiesen, dass uns Menschen unterstützen. Warum fällt es uns dann so schwer, sie anzunehmen?

Viele Menschen erleben es als belastend, im Alter zunehmend auf Hilfe angewiesen zu sein. Hilflosigkeit, Abhängigkeit und der Verlust von Selbstständigkeit können als unwürdig oder sinnlos empfunden werden. Sinnkrisen nehmen im Alter zu. Schmerzen, Gebrechlichkeit und Schwäche können zu Lebensüberdruss führen. Wer sich nutzlos fühlt, fragt sich oft: Was macht das Leben jetzt noch für einen Sinn, wenn ich zu nichts mehr gebraucht werde?

Ein offener und respektvoller Umgang mit schwerer Krankheit, Sterben, Tod und Trauer ist wichtig, um soziale Prozesse kompetent und empathisch zu begleiten. Gespräche über diese Themen sollten selbstverständlich werden. Das schafft Räume für Begegnung, Austausch und kontinuierliches Lernen.

Damit Menschen ein erfülltes Leben bis zuletzt führen können, braucht es gute Rahmenbedingungen. Wir sind Beziehungsmenschen. Alle sehnen wir uns danach, gesehen, wahrgenommen, anerkannt und geliebt zu werden. Sorge, Anteilnahme und das Dasein füreinander verbinden uns als Menschen. In echter Begegnung nehmen wir die Bedürfnisse und Wünsche unseres Gegenübers ernst. Voraussetzung dafür ist ein Bewusstsein für Solidarität, Gerechtigkeit und Fürsorge.

Anerkennung braucht Werte und eine tragfähige Haltung. Dazu gehört auch Selbstanerkennung. Menschen lernen sie im Gegenüber: durch Resonanz, Spiegelung und Beziehung. Das stärkt Selbstwert und Selbstvertrauen und hilft, das eigene Leben mutig zu gestalten – auch dann, wenn Entscheidungen ungewohnt oder anders sind. Wenn Begleitende mit Aufmerksamkeit und Präsenz zuhören, macht das einen spürbaren Unterschied.

Die Fähigkeit, sich auf andere einzulassen und sich danach wieder bewusst zu distanzieren, muss kultiviert werden. Wir können emotional mitbetroffen sein; deshalb braucht es die Bereitschaft, Situationen mitauszuhalten, ohne sofort eine Lösung finden zu müssen. Zwischen Zugewandtheit und dem nötigen Abstand gilt es, eine Balance zu finden. Selbstsorge ist dafür eine Grundvoraussetzung. Mitgefühl ist eine wirksame Ressource, die vor emotionaler Erschöpfung und Burnout schützen kann.

Jedes Gespräch über das Sterben ist auch ein Gespräch über das Leben. Oft wird es als sinnstiftend und entlastend erlebt. Es geht um eine Grundhaltung der Achtsamkeit gegenüber dem Leben – und darum, nicht nur Menschen zu unterstützen, die wir kennen oder mögen, sondern auch jene, die uns fremd sind. Wie wohltuend ist es, wenn eine Patient:in oder eine Bewohner:in nicht nur als Fall, sondern als Mensch wahrgenommen wird.

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Zur Person

Ingrid Marth, B.A.

Dipl. Gesundheits- und Krankenpflegerin mit Zusatzausbildung Palliative Care

Dipl. Erwachsenenbildnerin Schwerpunkt Gesundheitsförderung

Dipl. Ernährungsberaterin TCM

B.A. Buddhistische Philosophie

Ehemalige pflegerische Leitung Mobiles Palliativteam Caritas Socialis in Wien. Lehrgangsleitung interprofessioneller Basislehrgang Palliative Care im Kardinal König Haus. Referentin und Vortragende in diversen Krankenhäusern, Pflege- und Bildungseinrichtungen in Österreich und Deutschland. Moderatorin von Erzählcafés und Death Dinners im 6. Wiener Gemeindebezirk, Mitarbeiterin und Moderatorin EU-CoWork-Projekt UNI Graz.

Marth, I.
(2026, April 15).
Gut leben bis zuletzt: Pflege, die trägt
pfa.pflegenetz.at
https://pfa.pflegenetz.at/artikel/gut-leben-bis-zuletzt-pflege-die-traegt

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