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Karoline Schermann, Angela Flörl, Daniela Deufert
Motivation und Zukunftsvisionen
Jugendliche in der Ausbildung zur Pflegeassistenz

Im Jahr 2020 startete im Bundesland Tirol im Rahmen eines Schulversuchs ein neuer Ausbildungsweg, der für die Pflegepraxis von besonderer Bedeutung ist: Jugendliche können ab 15 Jahren an Fachschulen für ländliches Betriebs- und Haushaltsmanagement sowie Fachschulen für Sozialberufe mit Pflegevorbereitung einen Schwerpunkt im Bereich der Gesundheits- und Krankenpflege wählen. Die Jugendliche absolvieren neben einem Fachschulabschluss, die Ausbildung zur Pflegeassistenz. Dieses Modell soll dazu beitragen, dem steigenden Bedarf an Pflegepersonal in Österreich entgegenzuwirken. Denn schon jetzt ist absehbar, dass in den kommenden Jahren deutlich mehr Pflegepersonen benötigt werden, als über die bisherigen Ausbildungswege gewonnen werden können (Juraszovich et al., 2023). Neue Wege in der Ausbildung sind daher nicht nur sinnvoll, sondern notwendig.

Für den Berufsalltag ergeben sich daher zwei zentrale Fragen:

  • Welche Erwartungen bringen diese jungen Menschen mit?
  • Was bedeutet das konkret für Pflegefachassistentinnen und Pflegefachassistenten, die die Jugendlichen im Rahmen von Praktika begleiten?

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Eine qualitative Begleitstudie der UMIT TIROL – Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften und -technologie – liefert wertvolle Einblicke zu diesem Schulversuch und zeigt, welche Faktoren für die Ausbildung besonders entscheidend sein können.

Ein erstes zentrales Ergebnis ist, dass sich viele Jugendliche sehr bewusst für den Schwerpunkt Pflege entscheiden. Häufig spielen persönliche Erfahrungen eine wichtige Rolle, etwa wenn Angehörige gepflegt und betreut werden oder wenn es im persönlichen Umfeld Vorbilder in Gesundheitsberufen gibt. Diese biografischen Hintergründe führen meist dazu, dass die Entscheidung für den Beruf der Pflegeassistenz mit einer hohen persönlichen Bedeutung verbunden ist. Für die Pflegepraxis heißt das: Viele Auszubildende starten mit einer starken inneren Motivation in die theoretische und praktische Ausbildung. Die Jugendlichen wollen helfen, Verantwortung übernehmen und eine sinnvolle Tätigkeit ausüben. Diese intrinsische Motivation ist eine wichtige Grundlage, die im Alltag erkannt und gefördert werden sollte. Gerade zu Beginn der Ausbildung zeigen die Jugendlichen häufig großes Engagement, das jedoch meist mit einer hohen Sensibilität und wenig Stabilität verbunden ist und durch Erfahrungen im Arbeitsalltag stark beeinflusst werden kann. Wird diese innere Motivation aufgegriffen und berücksichtigt – etwa durch aktives Einbinden in Pflegesituationen, durch verständliche Erklärungen und durch wertschätzendes Feedback – kann sie sich weiterentwickeln und festigen. Bleibt sie hingegen unbeachtet oder wird durch negative Erfahrungen abgeschwächt, besteht die Gefahr, dass Unsicherheit oder Frustration entstehen. Für Pflegefachassistentinnen und Pflegefachassistenten bedeutet das, aufmerksam für die Haltung und das Engagement der Auszubildenden zu sein und gezielt Situationen zu schaffen, in denen die Jugendlichen ihre Motivation als positiv erleben und sinnvoll einsetzen können.

Gleichzeitig zeigt sich, dass Jugendliche klare Erwartungen an die Ausbildung haben. Besonders wichtig ist ihnen der praktische Teil. Sie möchten nicht nur theoretisches Wissen erwerben, sondern aktiv mitarbeiten, pflegerische Tätigkeiten erlernen und Sicherheit in der Umsetzung gewinnen. Situationen, in denen sie selbst etwas ausprobieren dürfen, werden als besonders positiv erlebt. Für den Praxisalltag bedeutet das: Lernen durch Mitmachen. Die Pflegepersonen in der Pflegepraxis leisten dabei einen entscheidenden Beitrag, indem sie Auszubildende schrittweise an Tätigkeiten heranführen und aktiv einbinden.

Damit verbunden ist die Rolle der Pflegeassistenz und der Pflegefachassistenz im Team. Pflegefachassistentinnen und Pflegefachassistenten sind häufig jene Personen, die am häufigsten mit Auszubildenden zur Pflegeassistenz zusammenarbeiten. Sie erklären Abläufe, zeigen praktische Handgriffe und begleiten erste eigenständige Tätigkeiten. Dabei sind sie nicht nur Wissensvermittlerinnen bzw. Wissensvermittler, sondern auch Vorbilder im pflegerischen Handeln. Das Verhalten gegenüber Patientinnen und Patienten, die Kommunikation im Team, der Umgang mit Stress oder herausfordernden Situationen – all das wird von Auszubildenden beobachtet und übernommen. Oft geschieht dieses Lernen ganz nebenbei, hat aber eine große Wirkung. Daher ist es wichtig, dass Pflegefachassistentinnen und Pflegefachassistenten über den Kompetenzrahmen der Auszubildenden informiert sind und diese entsprechend anleiten und fördern.

Besondere Bedeutung kommt der Anfangsphase der Ausbildung zu. Diese wird als „sensible Phase der beruflichen Sozialisation“ (Sorber, 2013) beschrieben, in der sich entscheidet, ob sich Jugendliche im Pflegeberuf wohlfühlen. In dieser Zeit treffen sie auf neue Anforderungen, sammeln erste praktische Erfahrungen und entwickeln ein Bild vom Berufsalltag. Positive Erlebnisse – etwa ein gelungenes Gespräch mit einer Patientin oder einem Patienten oder das erste selbstständige Durchführen einer Tätigkeit – können sehr motivierend wirken. Negative Erfahrungen hingegen, wie fehlende Unterstützung oder ein respektloser Umgang von Pflegepersonen untereinander im Team oder gegenüber Patientinnen und Patienten, können schnell zu Unsicherheit oder zum Abbruch der Ausbildung führen.

Daher hat das Team der jeweiligen Praktikumsstelle eine große Verantwortung. Die Pflegefachassistentinnen und -assistenten können dazu beitragen, dass sich Auszubildende willkommen fühlen und ihren Platz im Team finden. Das beginnt bei einfachen Dingen: sich vorstellen, erklären, wer wofür zuständig ist, und aktiv einbinden. Auch kleine Erfolgserlebnisse sollten bewusst wahrgenommen und angesprochen werden. Ein kurzes Lob oder ein anerkennendes Wort kann viel bewirken.

Die ersten Ergebnisse der Studie zeigen zudem, dass viele Jugendliche bereits konkrete Vorstellungen von ihrer beruflichen Zukunft haben. Einige planen, nach der Pflegeassistenz weitere Ausbildungen zu absolvieren. Das unterstreicht die Bedeutung der Pflegeassistenz als Einstieg in eine berufliche Laufbahn im Gesundheitsbereich. Für die Praxis bedeutet das auch, dass hier die Basis für weiteres Lernen gelegt wird. Wer in dieser Phase positive Erfahrungen macht, bleibt dem Pflegeberuf eher treu und entwickelt sich weiter.

Für den Arbeitsalltag lassen sich daraus mehrere praxisnahe Impulse ableiten. Für die Auszubildenden ist es hilfreich, wenn sie aktiv einbezogen und begleitet werden. Darüber hinaus erleben es die Jugendlichen als wertschätzend, wenn ihnen schrittweise Verantwortung im entsprechenden Kompetenzbereich übertragen wird. Gleichzeitig braucht es klare Strukturen und nachvollziehbare Anleitungen. Eine offene Kommunikation im Team sowie ein respektvoller Umgang schaffen eine gute Lernumgebung. Auch der Austausch im Team über den Umgang mit Auszubildenden kann dazu beitragen, die Ausbildungsqualität zu verbessern.

Darüber hinaus lohnt es sich, die Perspektive der Jugendlichen bewusst einzunehmen. Viele erleben die Ausbildung als einen großen Schritt in Richtung Erwachsenenleben. Sie müssen sich in neuen Rollen zurechtfinden und gleichzeitig soziale und fachliche Kompetenzen entwickeln. Verständnis für diese Situation kann helfen, angemessen zu reagieren und Unterstützung anzubieten.

Zusammenfassend zeigt sich: Neue Ausbildungsmodelle wie jenes in Tirol bieten eine große Chance, dem Personalmangel in der Gesundheits- und Krankenpflege entgegenzuwirken. Damit dieses und ähnliche Modelle langfristig erfolgreich sein können, kommt der praktischen Ausbildung eine zentrale Bedeutung zu. Pflegefachassistentinnen und Pflegefachassistenten spielen dabei eine Schlüsselrolle. Sie begleiten Auszubildende im Alltag, vermitteln Wissen und prägen das Berufsbild der Jugendlichen nachhaltig. Denn die Aufgabe der Pflegefachassistentinnen und Pflegefachassistenten stellt somit nicht nur die Versorgung von Patientinnen und Patienten dar, sondern auch die Mitgestaltung der Zukunft des Pflegeberufs. Jede Anleitungssituation, jede Erklärung und jede Form der Unterstützung trägt dazu bei, dass aus motivierten Jugendlichen kompetente Pflegepersonen werden. Indem Pflegefachassistentinnen und Pflegefachassistenten ihre Erfahrungen weitergeben und eine positive Lernumgebung schaffen, leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Sicherung der Gesundheits- und Krankenpflege in Österreich.

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Literatur

Juraszovich, B., Rappold, E., & Gyimesi M. (2023). Pflegepersonalbedarfsprognose Update bis 2050 Aktualisierung der Pflegepersonalbedarfsprognose

Sorber, M. (2013). Eine Zeit der Veränderung: Der Berufseinstieg in der Gesundheits- und Krankenpflege. PADUA, 8(3), 177–182. https://doi.org/10.1024/1861-6186/a000130

Zur Person

Wenn Sie die Autor*innen live zu diesem Thema erleben oder Ihre Fragen vertiefen möchten: Beim diesjährigen pflegekongress26 sind sie mit einem Vortrag vertreten. Weitere Informationen finden Sie hier: www.pflegekongress.at

 

Dr. Karoline Schermann, BScN MScN,

ist seit 2004 Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin. Sie hat das Bachelor- und Masterstudium Pflegewissenschaft mit dem Schwerpunkt Pflegepädagogik an der UMIT TIROL absolviert. Seit 2013 ist sie Universitätsassistentin am Institut für Pflegewissenschaft der UMIT TIROL. Im Jahr 2022 hat Karoline Schermann erfolgreich im Fachbereich Pflegewissenschaft promoviert. Ihre Forschungstätigkeit ist hauptsächlich im qualitativen Forschungsparadigma verortet.

 

Angela Flörl, BScN MPH,

ist seit 2006 diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin. Sie absolvierte das Bachelor-Studium Pflegewissenschaft mit dem Schwerpunkt Pflegemanagement und -pädagogik sowie das Masterstudium Public Health. Seit 2018 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Pflegewissenschaft der UMIT TIROL und in den Bereichen Forschung, Lehre und Organisation tätig.

 

Ao. Univ.-Prof. Dipl.-PGW Dr. Daniela Deufert,

 ist 1986 examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin. Sie absolvierte das Diplomstudium Pflege- und Gesundheitswissenschaften an der Martin-Luther-Universität in Halle an der Saale und promovierte 2009 an der UMIT TIROL im Fachbereich Pflegewissenschaft. Seit 2006 ist sie an der UMIT TIROL in Lehre, Forschung und Organisation tätig. Im Juli 2025 wurde Daniela Deufert zur außerordentlichen Professorin am Department für Pflegewissenschaft und Gerontologie der UMIT TIROL ernannt.

Schermann, K.
,
Flörl, A.
,
Deufert, D.
(2026, April 15).
Motivation und Zukunftsvisionen
pfa.pflegenetz.at
https://pfa.pflegenetz.at/artikel/motivation-und-zukunftsvisionen

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